Bleibe frei

Hüte dich vor geschlossenen Systemen.

Glaube nie denjenigen die behaupten sie wären im Besitz der alleinigen Wahrheit.

Schaue auf das was Menschen tun, mehr als auf das was sie sagen.

Versuche dich hineinzuversetzen.

Frage dich: würde ich so handeln wollen oder können.

Misstraue geschlossenen Systemen. Sie sind strukturell einfach. Die einfachen Antworten sind selten die richtigen.

Denke differenziert, vielschichtig, ergebnisoffen. Prüfe einen Gedanken, eine Meinung- indem du sie aus verschiedenen Perspektiven betrachtest.

Habe einen Freundeskreis der nicht homogen ist. Das erscheint mir fast als wichtigster Punkt. Nur wer im Austausch mit Menschen anderer Meinung bleibt, bleibt offen.

Achte darauf, ob nicht systemkonformes Verhalten negative Konsequenzen nach sich zieht und andersherum: systemkonformes Verhalten belohnt wird.

Welche Narrative werden erzählt? Erfolgen Umdeutungen.

Wird als normal gehandelt, was im Kontext des sozialen Miteinanders vielleicht doch Auffälligkeiten aufweist.

Bleib frei im Denken.

Der grüne Hut

Ich hatte ihn nicht gekannt.

Ein Jahr lang war ich jeden Tag an ihm vorbei gegangen. Er sass vorm Supermarkt an dem mein Weg vorbeiführte. Meist legte ich eine Münze auf den Boden des grünen Zylinders.

Bis zu diesem Abend: ich kam von einer Schicht. Es war spät. Wind frass sich durch die Jacke. Kälte verteilte Ohrfeigen. Ich war müde.

Wie immer bat er höflich um Kleingeld: ich hatte selbst einen kargen Monat

ich sehe sie arbeiten hart, ich aber auch. Ich hab einfach nichts übrig.

Ab diesem Abend sprach er mich nicht mehr an.

Jetzt ging ich jeden Tag an jemanden vorüber, der mir ein schlechtes Gewissen verursachte.

Jeder fünfte Einkauf, okay?

Von da an wechselten wir ab und zu ein paar Worte.

Gestern hörte ich, er sei gestorben. Er war noch jung. Es ist der Punkt an dem ich mich frage, ob es nicht doch so ist, dass man mitschuldig ist am verfrühten Tod .

Es hat mich betroffen gemacht

Ruhe in Frieden.

Freitag mit: wenn Breschnew und Honecker Eigenbedarf anmelden

Drei Tage habe ich durchgeschlafen. Ich kann mich an eine vergleichbare Krankheitsepisode mit derart komatösen Ausmaß nicht erinnern.

Matt.

Lese : „Wie sterben geht“ von Andreas Pflüger. Ein grossartiger Agententhriller.

https://www.zeit.de/2023/45/wie-sterben-geht-thriller-andreas-pflueger

Breshnew ist schwer dement und Gorbatschow wird bereits als neuer Vorsitzender des Volkes gehandelt.

Ich bin erst am Anfang.

Mit fällt ein Traum ein, den ich vor etwa zehn Jahren träumte.

Breshnew und Honecker waren auf der Flucht, standen nun vor unserem Haus und forderten Eigenbedarf ein.

Nun waren wir unsererseits auf der Flucht. Die Kinder packten ein was sie für nötig hielten, Lego, Schleichpferde und eine Puppe namens Melli.

Ich nahm nichts mit. Zuflucht fanden wir in einer Waldorfschule, in der jemand gerade Bach auf dem Cello spielte.

Samstag mit: man sagt er sei verrückt gewesen

Da steht er, die Ärmel seines karierten Hemdes hochgerollt. Hinter ihm eine Schafherde, der Ackergaul, das Kind.

Der neue Pfarrer der kleinen Gemeinde Rippicha ist ungewöhnlich. Das runtergekommene Pfarrhaus renoviert er in Eigenleistung, baut einen Spielplatz für die Dorfkinder und predigt in so ungewöhnlicher Weise, dass die Kirche -einst ausgestorben- nun rappelvoll ist. Die DDR ist noch jung. Und der Glaube soll ausgelöscht werden. Rückständiges Denken. Stalin gibt die Richtung vor.

Brüsewitz ist der Kuschelkurs der Kirche mit der SED zu lau.

Er wird bekannt durch Aktionen wie diese: als alle zur Wahl gehen, steht auf seinem Bauwagen: ich habe schon gewählt- Gott.

Ein Neonkreuz auf der Kirche.

Das Ziehen der Egge mit seinem Trabant.

Eine zerrissene Stahlkette im Gottesdienst.

Er gerät ins Visier der Staatssicherheit.

Unter ungeklärten Umständen stirbt sein Pferd, mit dem er den Acker bewirtschaftet.

Der Dachboden in dem er Tierfutter lagert, gerät in Brand. Die Feuerwehr ist da, bevor der erste Funke fliegt.

Es gibt Drohungen, solle er seine Aktionen nicht lassen, würde man das Gesundheitssystem mit einbeziehen. In seinem Fall würde das bedeuten, ihn für verrückt zu erklären.

Brüsewitz wird den zersetzenden Methoden der Staatssicherheit nicht standhalten.

Legendenbildung umfasst in der Sprache des MFS: Szenarien aus Manipulationen zu erschaffen, die den Menschen zerstören.

Brüsewitz verbrennt sich auf dem Marktplatz in Zeitz.

“ Leben und Tod eines mutigen DDR-Pfarrers“ Oskar Brüsewitz von Freya Klier

Freitag mit Dekalog-Zehn kleine dramaturgische Meisterwerke und der Frage: Was bleibt?

https://www.deutschlandfunkkultur.de/dvd-box-zehn-kleine-dramaturgische-meisterwerke-100.html

Kein Film hat mich mehr berührt als dieser.

Dekalog von Kieslowski.

Im Manuskript meines Vaters taucht das Wort Egomanie auf, und dass diese sich am Ende des Lebens als Irrweg erwies.

Mittwoch mit Keller und: die empfindlichsten Wesen sind nicht Menschen, sondern Länder

Abtauchen in die Vergangenheit. ( Ich räume die letzten Kisten im Keller aus.)

Foto:

Der kleine Tornado ist acht geworden. Sie schiebt ihr neues Fahrrad über den Dielenboden.

Anna im gestrickten Schlafsack, strahlt mit schokoverklebten Mund.

Bald wird Julius dazukommen und auf dem Fensterbrett sonnenbaden. Bilirubin.

Über uns die Fitnesstrainerim stampft zu militärischen Klängen. Den Schriftsteller neben uns hört man nie. Manchmal schenkt er dem kleinen Tornado ein Buch.

https://literaturland-sh.de/autorinnen/heimann-bodo

In der Kellerkiste: Roger Willemsen.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/essay-wer-wir-waren-zukunftsrede-roger-willemsens-100.html

Schlage das Buch irgendwo auf und lese etwas von Thatcher, die sagt, sie glaube nicht an Europa. Der Mensch sei zu national veranlagt.

Trage alles nach oben.

Sichte im Sessel, während ich das Vogelhaus im Blick behalte.

Ein Neuzugang seit gestern. Nach Wochen der immerselben Spatzengruppe, gesellen sich jetzt Kleiber, Kohl und Blaumeisen, ein Specht und nun auch eine Amsel hinzu

Ich füttere Nüsse, Mehlwürmer, Hanfsamen , Sonnenblumenkerne, Weizen. Es gibt Territorialkämpfe. Auch hier.

Genazino schreibt:

Die empfindlichsten Wesen sind nicht Menschen, sondern Länder.

„Auf Gott hoffen, der (unter jenen Umständen) keine Rettung brachte?

Dieser Bruch kann nicht schlichtweg behoben werden.

Denn das Geschehene hat unsere Ideen von einem gerechten und gnädigen Gott grundsätzlich erschüttert.“

Hans-Eckehard Bahr

Nachsatz: ich habe den Bücherschrank einer alten Frau geerbt. Womit ich nicht rechnete: dass Bücher, bei denen ich zuerst überlegte sie in Büchertauschschränke zu bringen, mir jetzt (unter diesen Umständen) sehr viel zu geben begannen. Es sind Bücher wie jenes von Hans Eckehard Bahr.

Was ist der Mensch?

Sonntag mit: In Momenten von Aufregung oder Stress lesen wir nicht

„Unter allen Gattungen von Lebewesen ist nur dem Menschen die Fähigkeit des Lesens gegeben-und damit die Möglichkeit, die vorgefundene Realität, jedenfalls im Geiste und für eine gewisse Zeit zu verlassen. Jedes Mal, wenn wir ein Buch aufschlagen, vollzieht sich zwischen Auge und Papier etwas Außerordentliches, eine Art Wunder. Wir sehen Reihen von Buchstaben, und wenn wir unseren Blick darübergleiten lassen, verwandelt unser Gehirn sie in Bilder, Gedanken, Gerüche, Stimmen. Es geht mir nicht nur darum, dass wir fähig sind aus einfachen Zeichen konkrete Informationen herauszulesen, das könnte auch ein Computer.

Ich meine eher die Bilder, die Gerüche, die Töne, die diesen Zeichen entspringen.

Keinem Psychologen ist es wohl jemals gelungen, dieses Wunder des Lesens gänzlich zu erklären. Ein allgemein verbreitetes Wunder, denn schliesslich geschieht es jede Sekunde an verschiedenen Orten auf dem ganzen Erdball.

Bis jetzt haben die Psychologinnen und Psychologen jedenfalls festgestellt, dass die Fähigkeit zu ergiebigen Lesen eines der Merkmale für psychisches Gleichgewicht ist.

In Momenten von Aufregung und Stress lesen wir nicht.“

Olga Tokarczuk “ Übungen im Fremdsein“