Zweiundzwanzig Seiten.
Auf die ich seit zwei Jahren warte.
Zweiundzwanzig Seiten die verloren gingen, bevor ich sie erhielt
Zweiundzwanzig Seiten die mich Ende der Woche in die Zeit vor 89 führen werden.
Wer bist du gewesen?
Zweiundzwanzig Seiten.
Auf die ich seit zwei Jahren warte.
Zweiundzwanzig Seiten die verloren gingen, bevor ich sie erhielt
Zweiundzwanzig Seiten die mich Ende der Woche in die Zeit vor 89 führen werden.
Wer bist du gewesen?
Eine Schar Spatzen stiebt aus der über zwei Meter hohen Palme auf dem Balkon.
Na Palme, hättest du gedacht so was mal zu sehen zu bekommen. Die Palmenblätter wippen im Wind.
Ich will mich im Sommersemester einschreiben sagt W.
Sie ist fast siebzig. Ich mach das auch, sage ich. Wir bilden ein Altenuniteam. Du im Osten, ich im Norden.
Wie willst du das denn machen mit Schichtdienst und Nebenjob? Ich bin ja in Rente und hab Zeit
Beim Putzjob kann ich Kopfhörer aufsetzen. Den Stoff per audio nebenbei laufen lassen. Kant und Joyce oder so.
Der Schichtdienst verschafft mir viele freie Vormittage. Und das Studium: Gibt ja keine Prüfungen, die zu bestehen sind. Just for fun.
Vogelhaus:
Das Amselmännchen hat ein Amselweibchen im Schlepptau- Neuzugang.
Das Männchen kehrt später allein zurück. Anstatt sich im Vogelhaus zu bedienen, steht es starr auf dem Rand des Blumenkastens und beäugt mich. Ich sitze im Lesesessel Genazino lesend, äuge zurück.
“ Der starre Blick der Amseln ähnelt dem Bild Becketts. Wenn ich an Seelenwanderung glauben würde, müsste ich denken, Beckett lebt in einer Amsel weiter
„Der Traum des Beobachters“ Wilhelm Genazino
Von nun an sollst du Beckett heissen. Der gelbgeschnäbelte nimmt es stoisch.
Abtauchen in die Vergangenheit. ( Ich räume die letzten Kisten im Keller aus.)
Foto:
Der kleine Tornado ist acht geworden. Sie schiebt ihr neues Fahrrad über den Dielenboden.
Anna im gestrickten Schlafsack, strahlt mit schokoverklebten Mund.
Bald wird Julius dazukommen und auf dem Fensterbrett sonnenbaden. Bilirubin.
Über uns die Fitnesstrainerim stampft zu militärischen Klängen. Den Schriftsteller neben uns hört man nie. Manchmal schenkt er dem kleinen Tornado ein Buch.
https://literaturland-sh.de/autorinnen/heimann-bodo
In der Kellerkiste: Roger Willemsen.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/essay-wer-wir-waren-zukunftsrede-roger-willemsens-100.html
Schlage das Buch irgendwo auf und lese etwas von Thatcher, die sagt, sie glaube nicht an Europa. Der Mensch sei zu national veranlagt.
Trage alles nach oben.
Sichte im Sessel, während ich das Vogelhaus im Blick behalte.
Ein Neuzugang seit gestern. Nach Wochen der immerselben Spatzengruppe, gesellen sich jetzt Kleiber, Kohl und Blaumeisen, ein Specht und nun auch eine Amsel hinzu
Ich füttere Nüsse, Mehlwürmer, Hanfsamen , Sonnenblumenkerne, Weizen. Es gibt Territorialkämpfe. Auch hier.
Genazino schreibt:
Die empfindlichsten Wesen sind nicht Menschen, sondern Länder.
Ich weiss nicht warum diese Zeit wieder so in mir lebt.
Diese Desillusionierung, dieses verbitterte Abwenden von Idealen. Das nicht Eintreten in die Partei, die Konsequenzen. Das Verlassen des Landes ohne irgendjemand ins Vertrauen zu ziehen.
Ein Ticket nach Ungarn , 8 Mark in der Tasche.
Meine Eltern erfuhren es durch die Nachrichten. Ein ARD Team hatte mich erwischt. Auf dem Weg ins Zugligetauffanglager in Budapest.
Es ging gut, weil es Deutschland war. Es gab keine Maschen durch die man fallen konnte.
Ich bekam sofort Arbeit, ein Zimmer- ohne Dusche und Küche.
Klo halbe Treppe. Aber es war im Herzen Heidelbergs, mitten in der Altstadt.
Ich möchte mir nicht vorstellen, wie dieser Tripp ohne ein Auffangnetz geendet wäre.
Es ist schon dunkel als ich vom ersten Tag im Nebenjob nach Hause fahre.
Ein Käuzchen ruft. Die Wildgänse mag ich lieber.
Es ist eine meditative, ruhige, solitäre Tätigkeit.
Im Schneeleoparden läuft alles auf eine Apokalypse hinaus. Aitmatow beschreibt das Leben als Abgehängten. Den Protagonisten treibt nur eine Idee um. Rache.
Aitmatow bekannt durch die schönste Liebesgeschichte der Welt und weniger bekannt für seine anderen Werke, in denen er sich poetisch und sanft den Abgründen der menschlichen Existenz nähert
Kaum aushaltbar.
Morgens erwacht mit den Nachrichten vom Hamburger Flughafen, Besetzungen von Plätzen in Grossstädten.
Immer wieder schalte ich das Handy aus. Es ist unerträglich.
Die Spatzen belagern das Futterhaus, der Specht quetscht sich ab und zu dazwischen. Die Kerze knistert und der Blick aus dem Fenster ist schön.
Lese auch : Ayn Rand. Weil es so etwas wie Resilienz in der Apokalyse beschreibt. Und weil ich Denkverbote nicht mag. Ich kann diesen schwarz weiss Einteilungen, links – rechts, vegan gegen nicht vegan, nichts mehr abgewinnen. Überall Schubladen, sich verhärtende Fronten. Das Einzige was hilft, sagt C., ist miteinander zu reden ohne sofort zu urteilen.
C.ist noch jung. Mich beeindruckt dieses Statement.
Die entscheidende Wende für meinen Fitnesslevel war das Radfahren.
Das sagt J., als
ich ihm erzähle, dass der kleine Graue in den letzten Zügen liegt.
Und das ich überlege mich im Fitnesscenter abzumelden, die Muskeln aber trainiert werden müssen, in meinem Alter. Wenn man sich nicht zu früh dem Verfall überlassen möchte.
Ich bin 54. Noch sechs Jahre bis zum sechzigsten. Ich steige auf das Rad, amüsiert über den Organismus der sofort rebelliert. Kurzatmigkeit, Blutdruck schnellt in die Höhe. Ich fahre einfach weiter. Eine Stunde für eine Stecke die die Tochter in 12 Minuten bewältigt.
Nach der Schicht: durch milden Wind der goldenes Laub vor sich hertreibt. Und ich? Denke über die Fentanylhölle in N. nach.
Was zur Hölle ist los mit der Welt?
Dunkel. Ein Schwankender läuft mir fast vors Vorderrad.
Später: sitze lange in der Nacht auf dem Balkon. Wind fährt durch Kiefern und Espen.
Heute:
Schlafe tief und lange. Der Organismus behauptet, dass sei über seine Kräfte gegangen. Quatsch, sage ich. Was uns nicht umbringt und so.
In den Vormittagsstunden mit dem Schneeleoparden unterwegs. Aus dem Rudel gestossen, hat ein Jüngerer seinen Platz eingenommen. Als Paria zieht er umher, will vor seinem Lebensende über den Pass. Er hadert mit dem Schicksal. Zu schwach um Beute zu reissen, verbindet sich sein Schicksal mit dem eines alternden Orchestermusikers. Aitmatow erschafft einen Sog, den man sich kaum entziehen kann. Er verneint die Welt als guten und schönen Ort. Jedenfalls ist das im weissen Dampfer so. Und dennoch leben die Geschichten durch uralte Mythen und eine Hinwendung zu, zu was eigentlich, zu Gott. Der Urgrund ist gut.
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Nein, ich bin nicht der Meinung, dass die langsame Aufnahme des Informationsflusses ( Lesen) der Vergangenheit angehört, weil wir uns weiter entwickelt haben.
Wenn es in der Tätigkeit darauf ankommt, zu lernen wieder ursprüngliches zu beherrschen: scheren, spinnen, stricken, so muss das auch für andere Bereiche gelten müssen. Das Langsame neben dem Schnellen. Das Bleibende neben dem Schnellebigen.
Ich will dem keinen Glauben schenken. Dem unwiderruflich geschädigten Bereich im Frontalhirn, verursacht durch ständige Zerstreuung des Verbundensseins mit der ganzen Welt via Smartphone. Die nicht Konzentration zerstöre die Lesefähigkeit.
Ich nahm mir vor, Lenes Bücher ( ich hatte ihren Bücherschrank geerbt, als ich im Sommer Nachmieterin ihrer Wohnung wurde, von A bis Z durchzulesen.
Es geht nur schleppend voran. Die Märchen von Hans Christian Andersen las ich in täglichen Happen am Morgen. Das war schön. Ich wandelte mit Däumelinchen und der kleinen Meerjungfrau durch den warmen Spätsommer . Aitmatow’s Djamila las ich an zwei Tagen durch. Mit dem weissen Dampfer ging es anschließend an den Issyk- Kul See und zu einem abgelegenen Dorf in Kirgisistan. Gerade als dort die Erinnerung an eine Zeit auflebt, in der ein ganzer Stamm vernichtet wurde, begannen sich in der Realität Abgründe aufzutun.
„Die stumme Zerstörungswut all derer, die selber zerstört worden sind “ Hans Eckehard Bahr
Wohin, wenn man ins Buch nicht flüchten kann, weil es selbst von einer masslosen Traurig- und Hoffnungslosgkeit erfüllt ist. Aitmatow ist ein brillanter Erzähler, aber in diesem Buch tröstet er nicht.
Ich las anderes, Fosse, Saucier, Der Gesang der Flusskrebse. Von allem ein wenig.
Früher las ich Tage durch. Heute gelingt es mir mit Mühe- mich für zwanzig Minuten in einen Text zu vertiefen.
Online:
Finde in der timeline einen Beitrag über Kermanis neuen Roman. Eine Frau mittleren Alters, die sich in einer Zeit der Krise alphabetisch durch ihr Bücherregal liest.
Nehme es als Anregung das Projekt wieder in Angriff zu nehmen.
Offline:
Den ganzen Tag hatte ich Vögel am Futterhaus beobachtet. Vom Lesesessel aus.
Seit gestern quetscht sich ein relativ grosser Buntspecht in das kleine Häuschen. Er muss wirklich den Kopf einziehen. Der Kleiber klopft energisch an die kleinen Balken um sein Revier zu verteidigen. Ist für alle was da, sage ich. Wird immer nachgefüllt.
Ich buk Brot. Später griff ich zum weissen Dampfer
Der Grossvater sitzt traurig in der Ecke. Es ist Nacht. Oroskul meutert im Suff, der Enkel liegt mit Schüttelfrost im Schuppen, träumt von Maralen.
Halloween:
Niemand klingelt, um nach Süssen zu fragen. Die Gegend hier eignet sich nicht. Vielleicht verliert man auch angesichts der Weltlage die Lust auf dieses Fest.
Hab gesehen, dass ich den Glückspeter von Hans Christian Andersen übersehen habe. Es tut mir im übrigen leid, dass ich seit Beginn des Leseprojektes, Hans Christian Andersen mit Andersen Nexö verwechselt habe. Ich sags ja, die Konzentration..
Ich bekam von Alexander Carmele mit dem wunderbaren Blogs read2write und kommunikatives Lesen, den Tipp: sich eine Uhr zu stellen. Handylose, reine Lesezeit.
Real life.
Ich beginne mit 30 Minuten.
„Wenn wir selber malen, Musik machen, Theater spielen, dann mag das objektive Resultat dürftig sein, gemessen am strengen ästhetischen Maßstab. Für unsere Person aber, nach unserem subjektiven Motiv, lassen auch wir, wenn wir kreativ arbeiten, die Schöpfung sehr gut sein. Dann beschwören auch wir das, was schön ist, es möge so bleiben. Auch unsere Versuche kreativ zu sein, sind- wie die große Kunst- Versuche gegen das Kalte, gegen den Tod. Auch sie feiern das Leben.“
Hans Eckehard Bahr
“ Spielen, nicht liegen bleiben.“
„Auf Gott hoffen, der (unter jenen Umständen) keine Rettung brachte?
Dieser Bruch kann nicht schlichtweg behoben werden.
Denn das Geschehene hat unsere Ideen von einem gerechten und gnädigen Gott grundsätzlich erschüttert.“
Hans-Eckehard Bahr
Nachsatz: ich habe den Bücherschrank einer alten Frau geerbt. Womit ich nicht rechnete: dass Bücher, bei denen ich zuerst überlegte sie in Büchertauschschränke zu bringen, mir jetzt (unter diesen Umständen) sehr viel zu geben begannen. Es sind Bücher wie jenes von Hans Eckehard Bahr.
Was ist der Mensch?
„Das Leben geht nur, wenn ich hoffe und handle, als ob es ginge.
Das andere, das Trostlose, das ist ja immer schon von sich aus da.“
Hans- Eckehard Bahr